![]()
ARBEITSKREIS WIRTSCHAFTSINFORMATIK AN FACHHOCHSCHULEN (AKWI)- Arbeitskreis im Fachbereichstag Informatik -
Fachbereichstag Informatik an Fachhochschulen
Arbeitskreis Wirtschaftsinformatik an Fachhochschulen
Stellungnahme des Fachbereichstages Informatik zu Qualität und Struktur der Ausbildung an Berufsakademien
(Stand:25.09.95)
Der Fachbereichstag Informatik an Fachhochschulen begrüßt die Vielfalt an Ausbildungsmöglichkeiten, die dem heutigen Absolventen mit allgemeiner Hochschulreife, fachgebundener allgemeiner Hochschulreife und entsprechender Fachhochschulreife geboten werden. Die Hochschulen, Fachhochschulen und Universitäten, - ca. 1,9 Mio. Studenten - und die Berufsakademien - ca. 40.000 Studierende - sind hierbei die wesentlichen Ausbildungsstätten. Der Fachbereichstag Informatik wendet sich allerdings mit Entschiedenheit gegen Versuche, Diplome an Fachhochschulen mit Abschlüssen an Berufsakademien gleichzusetzen.Die Vorteile, die die Berufsakademie mit ihrem engen Firmenbezug und ihrer damit ggf. recht firmenspezifischen Technologieausrichtung bieten kann, sind gleichzeitig ihre Nachteile. Sie kann in dieser Form nicht die Aufgabe von Hochschulen, auch nicht die der praxisbezogenen Fachhochschulen, übernehmen. Ausbildungsziel der Berufsakademien ist die Berufsfertigkeit ihrer Absolventen. Primäres Anliegen einer Fachhochschulausbildung ist dagegen die Berufsfähigkeit der Absolventen, die nur in einem breiter angelegten Studium, wie es die Berufsakademien nicht bieten können, sichergestellt wird.
Darüber hinaus gibt es in der Organisation und Durchführung des Studiums gravierende Unterschiede zwischen Berufsakademien und Fachhochschulen, die aus der Sicht der Informatik und aus Hochschulsicht gegen die Gleichwertigkeit mit einem Hochschulstudium und gegen die Anerkennung von Berufsakademien in ihrer derzeitigen Form als Hochschulen sprechen:
- Ein essentieller Punkt ist die Rechtsform der Berufsakademien. Diese sind weit von einer akademischen Selbstverwaltung entfernt. Es existieren keine Selbstverwaltungsgremien. Direktoren und Fachgruppenleiter (letztere entsprechen in etwa den Dekanen) werden von der vorgesetzten Behörde bestimmt und nicht gewählt. Die direkte politische Einflußnahme auf die Berufsakademien, wie sie sich z.B. in den einheitlichen Stundentafeln für gleiche Ausbildungsgänge an der Staatlichen Studienakademie in Baden-Württemberg zeigt, könnte der fatale Präzedenzfall sein, um die Hochschulautonomie und die Freiheit der Lehre weiter auszuhöhlen.
- Die Professorinnen und Professoren haben keinen über die reine Lehre hinausgehenden Auftrag: weder zur Weiterbildung noch zu anwendungsorientierter Forschung und Entwicklung. Berufsakademien betreiben somit weder angewandte Forschung noch Grundlagenforschung. Von einer Verknüpfung von Forschung und Lehre im akademischen Sinn kann daher nicht die Rede sein.
- Praxisgerechte Lösungen in allen Gebieten der Informatik setzen ein sehr hohes theoretisches Fachwissen voraus. In der Studie des Wissenschaftsrates wird ausdrücklich darauf hingewiesen, daß die Vermittlung theoretischen Fachwissens an den Berufsakademien erheblich zu kurz kommt. Außerdem wird die methodische Grundausbildung, die in der Informatik essentiell ist, durch die Fragmentierung der Unterrichtsphasen, die unzureichende Zeit zur Nachbereitung von Lehrveranstaltungen infolge einer Stundentafel von mehr als 30 Wochenstunden, empfindlich gestört. Weiterhin ist ein verläßlicher Standard in der methodischen Fundierung der Ausbildung durch den großen Prozentsatz an Lehrveranstaltungen (bis zu 80%), die von Lehrbeauftragten durchgeführt werden, nicht sicherzustellen.
- Praxisgerechte Lösungen in den Gebieten der Informatik setzen ein hohes Maß an Anwendungs- und Praxisorientierung voraus. Da der vertiefende Anwendungs- und Praxisbezug bei den Berufsakademien in der konkreten Unternehmung gesetzt wird, kann dieser ggf. sehr einseitig und schmal ausfallen. Zudem wird der Studierende/Praktikant wohl schon in frühen Ausbildungsphasen produktionsorientiert und nicht ausbildungsorientiert eingesetzt werden. Sein Status als "Auszubildender, dauernder Mitarbeiter" kann bei dringlichen Projekten - und wo sind diese im DV-Bereich jemals nicht dringlich - zu Defiziten (Vernachlässigungen) führen.
- Das Berufsleben in der Technologiegesellschaft verlangt von einem Hochschulabsolventen neben einem breit angelegten Fachwissen auch ein hervorragendes Allgemeinwissen und eine hervorragende soziale Kompetenz. Durch die volle Einbindung in das Berufsleben und die überaus vollen Stundentafeln bleibt den Studierenden kaum noch Zeit für das Engagement innerhalb und außerhalb ihrer Institution und für individuelle Interessen wie Wahlfächer, z.B. im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften, oder Sprachkurse. Für viele Unternehmungen ist die soziale Kompetenz von Absolventen ein Entscheidungskriterium für neue Mitarbeiter geworden. Es erscheint jedoch fraglich, ob Absolventen von Berufsakademien den Grad an Selbständigkeit und Eigenverantwortung erlangen, der für Hochschulabsolventen typisch ist.
- Durch die starke Einflußnahme von Arbeitgebern auf die Inhalte der Ausbildung sind Berufsakademien stets geneigt, strukturierendes Verständnis von Zusammenhängen und die Behandlung von im Augenblick noch nicht praktisch verwertbaren bzw. in der konkreten Unternehmung nicht anstehenden Zukunftstechnologien zugunsten von praktisch verwertbarem Handlungswissen zurückzudrängen. Dies könnte - im Sinne einer unglücklichen Selbstbefruchtung - gerade im Mittelstand fatale Wirkungen haben. Insbesondere auf den Gebieten der Informatik ist eine solche Herangehensweise zu kurzfristig orientiert und führt zu einer Ausbildung, die relativ schnell veraltendes Wissen vermittelt. Dies ist typisch für eine Berufsausbildung im dualen System und untypisch für die Ausbildung an einer Hochschule.
- Ein Informatikstudium in den Bereichen Wirtschaftsinformatik und Technische Informatik hat jedoch viele Züge eines integrierten Doppelstudiums. Studierende müssen sich das theoretische Grundwissen zweier in ihrer Methodik oft unterschiedlicher Disziplinen aneignen. Ein dreijähriges Kurzstudium (einschl. aller Praxisphasen) ist hier zur Erlangung einer hochschuladäquaten Ausbildung sicher nicht geeignet.
- Berufsakademien sind existentiell vom Angebot an adäquaten Ausbildungsplätzen abhängig. Bauen Unternehmen, z.B. in Rezessionszeiten, Ausbildungsplätze radikal ab, kann das die Existenz einer Berufsakademie gefährden. - Darüber hinaus ist der Zugang zur Berufsakademie nur für eine bestimmte Klientel möglich, was ihre Bedeutung und Wertigkeit für die Gesellschaft erheblich mindert.
- Würden Berufsakademien den Hochschulstatus erlangen, ginge ihre derzeitige Funktion, nämlich als sinnvolle Ergänzung des Bildungsspektrums die Lücke zwischen dualer Ausbildung und Hochschulen auszufüllen, verloren.
Wollte man an dem Plan festhalten, neben der Fachhochschule die Berufsakademie als Hochschule zu etablieren, müßten die folgenden Mindestvoraussetzungen erfüllt sein:
- Überführung der Berufsakademien in rechtsfähige Körperschaften des öffentlichen Rechts.
- Sicherstellung der vollständigen Hochschulautonomie und Einrichtung der dazu notwendigen Selbstverwaltungsgremien.
- Forschungsauftrag und -mittel an die Professoren der Berufsakademie.
- Herstellung der vollständigen Entscheidungskompetenz der Hochschule bezüglich der Lehr- und Prüfungsinhalte.
- Garantie eines Minimums an (theoretischen) Studiensemestern an der Hochschule einschließlich des nötigen Zeitraums zur Nacharbeitung und Vorbereitung von Lehrinhalten.
- Erweiterung der praxisorientierten Ausbildung an der Hochschule zur Sicherstellung eines in diesem Bereich zu fordernden Mindeststandards.
- Öffnung der Berufsakademie für eine breitere Klientel analog der Fachhochschule.
- Sicherstellung einer wissenschaftlich qualifizierten Diplomarbeit von mindestens 6 Monaten Dauer.
- Erfüllung aller Kriterien zur internationalen Anerkennung als Hochschule.
Ziel der Wirtschaft ist es, ihren Einfluß auf Ausbildungsmodelle im tertiären Bereich zu behalten bzw. weiter auszubauen. Ziel der Kultusbürokratie ist der direkte Eingriff in die z.Zt. noch weitgehend autonomen Hochschulen. Der Versuch, das duale Modell in die Fachhochschule zu kopieren (den Hochschulen aufzudrängen) bzw. den Berufsakademien eine Fachhochschule unterstützend beizugehen, soll beide Interessengruppen ihren Zielen näher bringen. Eine Verwischung der Grenzen zwischen Fachhochschule und Berufsakademien würde vor allem den Fachhochschulen schaden, denn bisher hat sich die Fachhochschule als Hochschule durch ihre Praxisorientierung qualifiziert. - Durch die Berufsakademien wird nun versucht, die Praxis durch den Hochschulstatus zu qualifiziern. Eine solche Entwicklung würde langfristig allen Hochschulen schaden.
Diese Stellungnahme verabschiedeten die Mitgliederversammlungen des AK-WI (Arbeitskreis Wirtschaftsinformatik an Fachhochschulen) auf seiner 8. Jahrestagung vom 10.9.95 bis 12.9.95 in Trier und des FBT-I (Fachbereichstag Informatik an Fachhochschulen) auf seiner 15. Jahrestagung vom 24.9.95 bis 26.9.95 in Zwickau jeweils einstimmig.
Mitglieder des diesbezüglichen Ausschusses:
- Prof. Dipl.-Ing. S. Myrzik
- Hochschule Bremen
- Tel. 0421 5905-464
- FAX 0421 5905-476
- Prof. Dr. H.K. Rieder
- Fachhochschule Rheinland-Pfalz / Abt. Trier
- Tel. 06518103-206
- FAX 0651 8103-416
- email: h.rieder@fh-trier.de
Fachbereichstag Informatik an Fachhochschulen und Arbeitskreis Wirtschaftsinformatik an Fachhochschulen:
- Prof. Dr. R. Bischoff
- (Sprecher des FBTI bis 1998)
- p.A. Fachhochschule Furtwangen
- Gerwigstr. 11
- 78120 Furtwangen
- Tel. 07723 920-(0)184 FAX 07723 920 610
- email: bischoff@fh-furtwangen.de
Letzte inhaltliche Änderung: Mittwoch 09.10.96
Zurück zur Homepage des AKWI